2005-1

Familienfreundliche Kommune: Luxus oder Notwendigkeit in finanziell schwierigen Zeiten?

Heike Lipinski

PDF-Version des kompletten Aufsatzes mit Tabellen, Grafiken und Schaubildern (348,3 KB)

Die finanziellen Spielräume vieler Kommunen in Baden-Württemberg sind sehr eng gefasst. Diese Tatsache zwingt sie, genau zu überlegen, wie sie die noch vorhandenen Ressourceneinsetzen und welchen Nutzen sie aus diesem Einsatz ziehen. Fällt die Entscheidung, in Familienfreundlichkeit zu investieren, zahlt sich das für Kommunen in mehrfacher Weise aus. Vorteile, wie an Attraktivität als Wohnort für junge Familien und zugleich als Wirtschaftsstandort zu gewinnen, die kommunalen Finanzen zu entlasten und positive Anreize für das Gemeinwesen zu setzen, sind Argumente, die überzeugen. Auch deshalb bietet die Familienwissenschaftliche Forschungsstelle im Statistischen Landesamt seit einem dreiviertel Jahr im Rahmen des Internetportals »Familienfreundliche Kommune« praktische und zur Nachahmung geeignete Beispiele für Familienfreundlichkeit im kommunalen Bereich an. Die Resonanz auf das Angebot ist sehr positiv, aber es stellt sich auch die Frage, wie diese zweifellos guten Ideen zu finanzieren und welcher Nutzen daraus zu ziehen ist.

Familienfreundlichkeit gibt es nicht zum Nulltarif | ^

Den Gürtel enger schnallen, einsparen, jeder muss Opfer bringen… diese Schlagworte betreffen in besonderem Maße Kommunen. Viele der 1 111 Kommunen in Baden-Württemberg sind verschuldet, manche so dramatisch, dass sie gezwungen sind, ihr Angebot abzubauen; so müssen zum Beispiel Bibliotheken und Schwimmbäder geschlossen werden. Die Finanzierung größerer neuer Projekte aus eigenen Mitteln ist oft kaum noch denkbar.

Als Konsequenz müssen noch stärker als bisher Prioritäten in der Kommunalpolitik gesetzt werden. Sich für Investitionen in einem Bereich zu entscheiden, heißt in wirtschaftlich schlechten Zeiten, in einem anderen Bereich weniger zu investieren. Sollen die verbleibenden Ressourcen in Gesundheit oder Kultur, Bildung oder Straßenbau, Umweltschutz oder Wirtschaftsförderung investiert werden? Investitionen in die Familienfreundlichkeit konkurrieren mit anderen zukunftsträchtigen Optionen. Was spricht also dafür, sich für diese kommunale Zielsetzung zu entscheiden? In welcher besonderen Weise zahlt sich Familienfreundlichkeit für Kommunen aus? Welche Argumente sprechen für Investitionen in Familienfreundlichkeit?

infopunkt 1

Projekt KIFA in Ludwigsburg

Als Beispiel für das Verhältnis von Kosten und Nutzen sei das Projekt KIFA in Ludwigsburg genannt. In einem Kindergarten in einem sozial schwierigen Stadtteil werden Familienbildung, Sprachförderung und verschiedene Hilfsangebote mit den Leistungen des Kindergartens zu einer Art Servicestelle zusammengefasst. Diese fördert, unterstützt und berät insbesondere Kinder und Eltern mit Migrationshintergrund. Der jährliche Aufwand des Projektes in der Erprobungsphase von zwei Jahren beträgt rund 50 000 Euro. Nicht wenig Geld, aber wenig im Vergleich dazu, dass die Betreuung einer Multiproblemfamilie durch den Allgemeinen Sozialen Dienst sich schnell auf Summen im sechsstelligen Eurobereich beläuft. Die Kosten für Hilfen zur Erziehung belaufen sich bei einer Heimunterbringung auf fast 50 000 Euro pro Jahr1, für einen Einsatz der Sozialpädagogischen Familienhilfe auf über 13 000 Euro.2 In eine intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung werden oft über 5 000 Euro im Jahr investiert. Kann also mithilfe eines präventiven familienfreundlichen Projekts wie KIFA nur bei wenigen gefährdeten Kindern eine Jugendhilfekarriere, die häufig in die Sozialhilfe mündet, abgewendet werden, hat sich die finanzielle Anstrengung bereits »gerechnet«.

1 Ausgangsbasis ist ein Tagessatz von 135 Euro.

2 Ausgangsbasis ist ein Stundesatz von 43 Euro bei einem Einsatz von sechs Stunden pro Woche.

Demografischer Wandel und die Veränderung der Kommunen | ^

Der demografische Wandel führt langfristig zu einem Bevölkerungsrückgang. Ab dem Jahr 2025 ist mit einem Sinken der hiesigen Bevölkerungszahl zu rechnen.1Außerdem wird der Anteil der jungen Generation einen immer geringeren Anteil an der Gesamtbevölkerung ausmachen. Bereits seit dem Jahr 2000 leben in Baden-Württemberg erstmals mehr Menschen über 60 Jahre als Menschen, die das 20. Lebensjahr noch nicht überschritten haben. Diese Entwicklung bleibt für die Kommunen nicht ohne Konsequenzen:

  • Die Verlagerung der Bevölkerungsstruktur auf ältere Menschen macht einen Ausbau im Bereich der Altenhilfe notwendig. Mit knappen finanziellen Ressourcen müssen hochwertige und bedarfsgerechte Altenhilfeangebote gemacht werden. Eine gewandelte Altersstruktur verändert den Charakter des Gemeinwesens, es sind Bemühungen um ein gelingendes Zusammenleben der Generationen notwendig. Es wird Überlegungen geben müssen, kommunale Einrichtungen für junge Menschen wie Kindergärten und Schulen zukünftig anders zu nutzen.
  • Die Verringerung der Einwohnerzahlen, sei es durch eine über der Geburtenrate liegende Sterblichkeit oder Abwanderung, kostet eine Kommune ganz konkret Geld. Das Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung des Landes Nordrhein-Westfalen hat hierzu Berechnungen vornehmen lassen.2Besonders das Absinken von Steuereinnahmen (zum Beispiel Lohn-, Einkommensteueraufkommen) und vom Land im Rahmen des kommunalen Finanzausgleichs gewährter Schlüsselzuweisungen, die sich nach der Einwohnerzahl einer Kommune richten, schlagen zu Buche. Diese sind nicht im selben Maße durch Kostenreduktion aufzufangen, weil die Angebotsanpassung nicht immer flexibel erfolgen kann. Einrichtungen müssen auch bei geringerer Einwohnerzahl vorgehalten werden. Die Berechnung für Nordrhein-Westfalen geht von einem durchschnittlichen Einnahmeverlust von 1 100 Euro im Jahr pro abgewandertem Einwohner aus. Doch diese Bevölkerungsentwicklung wird nicht in ganz Baden-Württemberg gleich verlaufen. Einige Kommunen können sogar mit einem Bevölkerungswachstum rechnen, andere werden dagegen überdurchschnittlich Einwohner verlieren. Ebenso verhält es sich mit der Altersstruktur. Während die Wohnbevölkerung einiger Kommunen im Vergleich einen höheren Anteil älterer Menschen beheimatet, haben andere dauerhaft eine überdurchschnittlich junge Bevölkerung.3
  • Es liegt im Interesse jeder Kommune, zu den wachsenden und jungen Gemeinwesen im Land zu gehören. Damit wird es zukünftig eine Konkurrenz um Einwohner geben und jede Kommune wird sich möglichst attraktiv und überzeugend jungen Menschen als idealer Wohnort präsentieren müssen. Eine besonderer Attraktivitätsfaktor bei der Wohnortwahl stellt Familienfreundlichkeit dar. Sie ist daher eine wesentliche Strategie, um den demografischen Wandel in der eigenen Kommune abzumildern. Aber das meint nicht nur den Ausbau der Kinderbetreuung. Familienfreundlichkeit umfasst viele Aspekte, die Familien in einem gelingenden Familienleben unterstützen: Spiel- und Freizeitangebote, Kultur, Beratungsangebote, Familienbildung, Baulandvergabe, Verkehrsgestaltung, familienfreundliche Verwaltung etc.

Nutzen von Familienfreundlichkeit für eine Kommune | ^

Während beim Bau eines Parkhauses selbstverständlich zu erwartende Kosten und Einnahmen gegenübergestellt werden, sind Kosten-Nutzen-Rechnungen zur Familienfreundlichkeit noch wenig üblich. Sie sind sicher auch schwieriger, weil in der Regel keine monokausalen Zusammenhänge vorhanden sind und die Abschätzung von Effekten schwierig ist. Trotzdem gibt es eine Reihe von überzeugenden Argumenten, die bei der Abwägung familienfreundlicher Investitionen bedacht werden müssen. Die drei relevantesten Aspekte im kommunalen Bereich sind die Vorteile als Wirtschaftsstandort, die zu erwartenden monetären Einsparungen in anderen kommunalen Bereichen und die positiven Auswirkungen auf das Gemeinwesen (siehe Übersicht).4

Familienfreundlichkeit schafft Vorteile als Wirtschaftsstandort

denn Familienfreundlichkeit und Unternehmensfreundlichkeit sind keine Gegensätze, im Gegenteil: Familienfreundlichkeit wird für Wirtschaftsunternehmen bei der Wahl ihres Standortes als weicher Standortfaktor zunehmend wichtiger. Ein familienfreundliches Umfeld ist für Unternehmen deshalb interessant, weil es sich auf die Arbeitsleistung ihrer Beschäftigten auswirkt. Wenn Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen nicht durch Schwierigkeiten in ihrem häuslichen Umfeld abgelenkt sind, wenn sie Familie und Beruf gut miteinander vereinbaren können, wenn sie eine zuverlässige, qualitätvolle Kinderbetreuung haben, arbeiten sie konzentrierter und produktiver. Unternehmen können das Know-how ihrer Beschäftigten besser nutzen, wenn diese nicht durch die Elternzeit längerfristig im Betrieb ausfallen. Kosten für Neubesetzung, Wiedereingliederung und Fehlzeiten können reduziert werden.

Regionen mit einer jungen Bevölkerungsstruktur bieten darüber hinaus den weiteren Vorteil größerer Chancen, in Zeiten sich weiter verschärfenden Fachkräftemangels Nachwuchskräfte zu finden.

Familienfreundlichkeit schafft Kaufkraft

Familien verfügen im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen nur über ein unterdurchschnittliches Einkommen unter anderem dadurch bedingt, dass es oftmals nur einen Verdiener gibt. So sinkt das Pro-Kopf-Einkommen bei zwei Kindern bereits auf 51% des Einkommens kinderloser Paare. Eine flexible familienfreundliche Kinderbetreuung ermöglicht oft die Berufstätigkeit des zweiten Elternteils – sei es auf eigenen Wunsch oder aus finanzieller Notwendigkeit. In Kommunen mit vielen jungen Familien erhöht sich damit das verfügbare Nettoeinkommen und das Potenzial für Konsumausgaben, was eine Steigerung der Kaufkraft nach sich zieht. Prospektiv befragt würden 41 % der Familien ein zusätzliches Einkommen für Konsumausgaben zur Erhöhung des Lebensstils verwenden, 27 % würden ein Haus bauen oder kaufen.5 Der zusätzliche Konsum erfolgt zumindest teilweise am Wohnort, sodass die örtlichen Dienstleister, Handwerker, Gastronomiebetriebe und Einzelhändler profitieren.

Familienfreundlichkeit reduziert die Sozialhilfekosten

denn sie ermöglicht es Frauen, die bislang wegen mangelnder Betreuungsmöglichkeiten für ihre Kinder auf diese Unterstützungsleistung angewiesen waren, die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit. Dies trifft vor allem auf allein erziehende Mütter zu. Neben Einsparungen im Bereich der Sozialhilfe trägt die Aufnahme der Erwerbstätigkeit zusätzlich zu Mehreinnahmen im Bereich der Einkommensteuer und der Sozialversicherungen bei6 und hat damit auch gesamtgesellschaftlich positive Auswirkungen.

Familienfreundlichkeit reduziert Kosten bei Erziehungshilfen und Jugendkriminalität

denn Vorbeugung ist billiger als Intervention. Die Inanspruchnahme verschiedener Erziehungshilfen wie zum Beispiel Heimerziehung, Vollzeitpflege oder sozialpädagogische Einzelbetreuung ist in den letzten 10 Jahren angestiegen. Fast 2,3 Milliarden Euro wurden 2002 in Baden-Württemberg durch die Träger für Einzel- und Gruppenhilfen in der Kinder- und Jugendhilfe ausgegeben. 10 Jahre zuvor waren es noch knapp 1,5 Millionen Euro.

Präventive Maßnahmen unterstützen und stabilisieren Familien, stärken Elternkompetenzen und Selbsthilfepotenziale nachhaltig und schaffen für Kinder gute familiale Bedingungen. Soziale Problematiken sind in geringerem Maße zu erwarten. Damit muss die Kommune weniger Geld für die Behebung der Konsequenzen fehlgeschlagener Sozialisation aufbringen, die zum Beispiel durch die Bereitstellung von sozialpädagogischen Angeboten, als Kosten zur Gewährleistung der öffentlichen Sicherheit, für die Behebung von Vandalismusschäden oder durch die Sozialhilfebedürftigkeit von Ausbildungsabbrechern entstehen. Präventive Angebote sind kostengünstiger als die »Behebung« von Fehlentwicklungen durch Leistungen der Jugendhilfe, der Sozialhilfe und der Justiz. Da die Kostenersparnis im Bereich der Jugendhilfe den Landkreisen zugute kommen, sind hier Formen des Ausgleichs zu finden, zum Beispiel in der Form, dass sich der Landkreis an der Förderung familienfreundlicher Projekte beteiligt.

Familienfreundlichkeit reduziert Kosten in der Altenhilfe

Der wachsende Anteil der älteren Bevölkerung und eine hohe Lebenserwartung werden in Zukunft zu einer steigenden Zahl an hilfe- und pflegebedürftigen Menschen führen, deren Pflege und Betreuung immer weniger von den Familien getragen werden kann. Hier sind externe Unterstützungsleistungen zum Beispiel durch Sozialstationen notwendig, an denen die Kommunen in vielen Fällen finanziell beteiligt sind. Oder es ist die Unterbringung in einem Alters- oder Pflegeheim notwendig, dessen Kosten oft vom Sozialamt getragen werden. Die Stärkung der Familiennetze und der nachbarschaftlichen Beziehungen beispielsweise durch die Einrichtung eines Mehr-Generationen-Zentrums, in dem Pflegeheim, Kinderbetreuung und Familientreff unter einem Dach angesiedelt sind, stellen einen präventiven Ansatzpunkt dar, um Hilfe untereinander zu stärken und öffentliche Hilfeleistungen ein stückweit überflüssig zu machen.

Familienfreundlichkeit fördert bürgerschaftliches Engagement

denn in den Familien liegt ein großes Potenzial für bürgerschaftliches Engagement. Sie sind vielfach sehr interessiert, die Kommunalpolitik mitzugestalten und die spezifischen Interessen von Familien einzubringen. Eine familienfreundliche Infrastruktur schafft Motivation, Platz und Gelegenheit für dieses bürgerschaftliche Engagement. Von den entstehenden Vernetzungen profitieren alle Bereiche des kommunalen Lebens.

Familienfreundlichkeit hilft, das gesellschaftliche Innovationspotenzial zu bewahren

Eine alternde Gesellschaft verliert weniger die Innovationsfähigkeit als die Innovationsbereitschaft. Aber gerade ältere Menschen haben auch ein ganz spezielles Erfahrungswissen. Familienfreundlichkeit, die das gelingende Zusammenleben der einzelnen Generationen fördert, kann mithelfen, die Innovationsfähigkeit des Gemeinwesens zu sichern und die Ressourcen aller Bevölkerungsgruppen zu nutzen.

Familienfreundlichkeit hilft Integrationsprobleme zu bewältigen

Die Integration von Migrantenfamilien ist für viele Kommunen eine Herausforderung. Sie leben in eigenen Vierteln, die sich durch soziale Problematiken auszeichnen, der Kontakt zur deutschen Bevölkerung besteht nicht in gewünschtem Maße, die deutsche Sprache ist nicht im notwendigen Maß erlernt. So zeigen sowohl die neue Pisastudie wie auch der durch das Statistische Landesamt erstellte Familienbericht des Sozialministeriums Baden-Württemberg, dass Bildungsbeteiligung und Bildungsabschlüsse von Migrantenkindern unterdurchschnittlich sind. So erreichen zum Beispiel nur 8 % das Abitur (gegenüber 24 % der deutschen Schüler), dagegen bleiben 15 % ohne Hauptschulabschluss (gegenüber 6 %).

Integration und funktionierende Stadtteilstrukturen stehen in engem Zusammenhang. Eine familienfreundliche Politik kann hier vielfältig Hilfestellung leisten: Durch Sprachförderung in Kindergarten und Schule, durch Schaffung von Begegnungsmöglichkeiten, durch Vermittlung von Hilfestellungen zur Bewältigung der Migrationssituation etc. Dadurch kann nicht nur erreicht werden, dass Migrantenfamilien im Gemeinwesen nicht länger am Rand stehen, sondern im Idealfall können ihre Ressourcen als Bereicherung in die Gemeinschaft einfließen. Die Kommune spart auch hier langfristig an Geldern in erziehungsunterstützende Maßnahmen und Sozialhilfe, wenn es zum Beispiel gelingt, dass Jugendliche aus Migrantenfamilien eine ihren deutschen Altersgenossen vergleichbare Schul- und Ausbildung erreichen.

Familienfreundlichkeit bedeutet Imagegewinn für Kommunen

denn sich mit Familienfreundlichkeit zu schmücken, bedeutet auch immer die Möglichkeit zur positiven Selbstdarstellung innerhalb der Bürgerschaft und außerhalb der eigenen Stadt oder Gemeinde.

Luxus oder Notwendigkeit? | ^

Familienfreundlichkeit ist eine Investition in die Zukunft. Damit ist sie kein überflüssiger Luxus. Sie ist vielmehr eine unverzichtbare Notwendigkeit für eine positive langfristige Zukunftssicherung der Kommune über eine Wahlperiode hinaus geworden und impliziert die Übernahme gesamtgesellschaftlicher Verantwortung. Die Argumente im Zusammenspiel machen das deutlich, auch wenn nicht jeder Effekt mit Zahlen und Größenordnungen hinterlegt werden kann.

Und es wird nicht immer ein großes Budget benötigt, um Familienfreundlichkeit umzusetzen. Manchmal reicht bereits die Änderung der Perspektive bei der Planung. Mit innovativen Ideen kann Familienfreundlichkeit auch kostengünstig idealerweise unter Mithilfe der Bürger umgesetzt werden. Fehlende Gelder für imageträchtige Projekte können zum Beispiel durch einen Sponsor gestellt oder bei einer Stiftung eingeworben werden.

Die gesellschaftlichen Vorteile von Familienfreundlichkeit belegen US-amerikanische Studien an Beispielen aus der vorschulischen Förderung. Danach führen insbesondere qualitativ hochwertige Betreuung und Förderung in früher Kindheit zu einem höheren Lebenseinkommen, einer geringeren Sozialhilfeabhängigkeit und einer geringeren Kriminalität. Die bekannteste empirische Langzeitstudie, die die mittel- bis langfristigen Effekte von qualitativ guter frühkindlicher Betreuung analysiert, ist das Perry-Preschool-Projekt (Schweinhart et al. 1993).7 Im Erwachsenenalter wurde für Kinder, die das Vorschulförderprogramm »Perry-Preschool« durchlaufen haben, unter Berücksichtigung einer Reihe von Faktoren berechnet, wie viel sie dem Gemeinwesen »gekostet«

haben. Es hat sich gezeigt, dass sie ihr Leben in Bezug auf Indikatoren wie Schulabschluss, Einkommen, psychische Beeinträchtigungen überdurchschnittlich positiv gestalten konnten und deutlich weniger öffentliche Gelder in Anspruch genommen haben (Schaubild 2 und Tabelle).

1 Landesvorausrechnung 2001, Variante 2.

2 Expertise »Einwohnerveränderungen und Gemeindefinanzen«, Forum Baulandmanagement, ILS Dortmund.

3 Die Bevölkerungsprognose kann detailliert nach Kommunen unter www.statistik-bw.de abgerufen werden.

4 Ein umfassendes Kosten-Nutzen-Szenario für Kommunen liegt nicht vor. Die Prognos-AG hat eine solche Modellberechnung für familienfreundliche Maßnahmen im Betrieb vorgenommen und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass sich Investitionen in Familienfreundlichkeit betriebswirtschaftlich mit einer Rendite von 25 % lohnen.

5 Bock-Famulla, Kathrin: Volkswirtschaftlicher Ertrag von Kindertagesstätten, Studie der Universität Bielefeld, 2002.

6 Ein Gutachten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung hat ergeben, das der Ausbau der Kinderbetreuung gesamtgesellschaftlich gesehen mehr Geld einbringt, als er kostet, wobei sowohl die öffentlichen Haushalte als auch die Familien finanziell gestärkt werden. 1997 bezogen in Westdeutschland insgesamt 244 000 allein erziehende Mütter mit Kindern unter 13 Jahren Sozialhilfe. Bei Erwerbstätigkeit dieser Mütter ergibt sich für Kommunen ein Einsparpotenzial von insgesamt rund 1,5 Mrd. Euro.

7 Weitere Hinweise darauf, dass die »Rendite« einer guten frühkindlichen Erziehung besonders hoch ist, liefern die »NICHD-Studie« des Early Child Care Research Network und die »Cost, Quality, and Outcome-Studie«. Insbesondere für Kinder von Eltern mit einem niedrigen Bildungsniveau wurde hier die Erhöhung schulischer Leistungen durch gute vorschulische Betreuungsqualität festgestellt.

infopunkt 2

Das Internetportal Familienfreundliche Kommune stellt seit April 2004 für Verantwortliche aus Kommunen und Interessierte nachahmenswerte Modellbeispiele für Familienfreundlichkeit sowie Wissenswertes, Veranstaltungshinweise und Literatur zur Thematik bereit. Ziel des Portals ist es, Kommunen bei der Umsetzung von Familienfreundlichkeit zu unterstützen und einen Erfahrungsaustausch zwischen denjenigen, die mit der Thematik befasst sind, zu ermöglichen. Bisher haben fast 700 Kommunen und Institutionen aus Baden-Württemberg ihr Interesse angemeldet. Die ersten vierzig innovativen Praxisbeispiele sind dokumentiert. Das Portal wird vom Sozialministerium Baden-Württemberg gefördert und ist unter der Internetadresse www.Familienfreundliche-Kommune.de abzurufen.


© Statistisches Landesamt Baden-Württemberg, Stuttgart, 2005 | ^