2005-2

Landwirtschaft in Baden-Württemberg – ein Mosaik aus regionaler Vielfalt

Julia Arndt

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Baden-Württemberg war 2003 im Bundesvergleich das Land mit der zweithöchsten Anzahl an landwirtschaftlichen Betrieben (65 800); mehr Betriebe gab es lediglich in Bayern (135 400). Trotz oder gerade wegen dieser relativ hohen Zahl an landwirtschaftlichen Betrieben steht auch der Südwesten unter starkem Einfluss des agrarstrukturellen Wandels. Die Ergebnisse der Agrarstrukturerhebung 2003 bieten die Möglichkeit, die hiesigen landwirtschaftlichen Strukturen regional differenziert darzustellen und so regionale Schwerpunkte oder Besonderheiten aufzuzeigen. Immer mehr Betriebe geben ihre landwirtschaftliche Produktion auf. Um dem Strukturwandel standzuhalten, versuchen viele Betriebe, ihre wirtschaftliche Situation durch Ausweitung ihrer Kapazitäten zu verbessern. Dabei ist die Entwicklung in Abhängigkeit von den natürlichen Standortbedingungen und den damit oft im Zusammenhang stehenden betrieblichen Produktionsverhältnissen regional sehr unterschiedlich ausgeprägt.

Natürliche Standortfaktoren beeinflussen Größe und Ausrichtung landwirtschaftlicher Betriebe | ^

Natürliche Standortfaktoren wie Boden, Klima, Höhenlage und kleinräumige Gegebenheiten haben zur Entwicklung von regional unterschiedlichen Produktionsschwerpunkten in der Landwirtschaft geführt. So finden sich bevorzugte Ackerbauregionen vor allem in den Regionen Heilbronn-Franken, Mittlerer Oberrhein und Rhein-Neckar, wo hochwertige Böden und klimatisch günstige und ausgewogene Verhältnisse vorherrschen. Zu den Kreisen mit den größten Ackerflächen gehören die Landkreise

Main-Tauber-Kreis60 100 ha
Schwäbisch Hall50 300 ha
Heilbronn41 700 ha
Neckar-Odenwald-Kreis35 400 ha
Ostalbkreis34 900 ha
Hohenlohekreis30 900 ha

Demgegenüber ist das Dauergrünland, oft in Kombination mit Weideviehwirtschaft, die vorherrschende Nutzungsart vor allem in Oberschwaben sowie in den ansteigenden Lagen des Südschwarzwaldes und auf der Schwäbischen Alb. Große Grünlandflächen finden sich in den Landkreisen

Ravensburg64 300 ha
Biberach27 000 ha
Breisgau-Hochschwarzwald25 400 ha
Waldshut23 800 ha
Reutlingen22 700 ha

Rebland und Obstanlagen sind aufgrund ihrer besonderen klimatischen Ansprüche bevorzugt in den sonnenverwöhnten Lagen Baden-Württembergs zu finden. So weist der Kreis Breisgau-Hochschwarzwald mit 5 200 ha, bedingt durch den Kaiserstuhl, die größten Rebflächen auf, dicht gefolgt vom Kreis Heilbronn mit 5 100 ha. Damit liegen fast 43 % der Rebflächen des Landes allein in diesen beiden Kreisen. Beim Obstanbau bilden der Bodenseekreis mit 6 800 ha und der Ortenaukreis mit 4 700 ha den regionalen Schwerpunkt, sodass sich hier über 53 % der heimischen Obstanbaufläche konzentrieren.

Kleinere Betriebe in Kreisen mit hohem Anteil an Wein- oder Obstanbau | ^

Ein landwirtschaftlicher Betrieb in Baden-Württemberg bewirtschaftete im Jahr 2003 durchschnittlich 22,1 Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche (ha LF) (Tabelle). In Abhängigkeit von der Produktionsausrichtung variierten die Betriebsgrößen jedoch regional deutlich. Mit durchschnittlich 37,2 ha LF bewirtschafteten die Landwirte im Landkreis Tuttlingen die größten Flächen, gefolgt von ihren Kollegen in den Kreisen Heidenheim mit 36,5 ha und Neckar-Odenwald-Kreis mit 36,2 ha. Die Kreise Tuttlingen und Heidenheim sind durch einen hohen Anteil an Futterbaubetrieben gekennzeichnet; Grünlandflächen bilden hier die Futtergrundlage für Milchvieh- oder Rindermastbetriebe oder auch Schafhaltung. Der Neckar-Odenwald-Kreis gehört zu ackerbaulich bevorzugten Regionen. Im Gegensatz dazu weisen die Wein- oder Obstanbauregionen die kleinsten betrieblichen Flächenausstattungen auf. Neben den Stadtkreisen Baden-Baden (7,6 ha) und Stuttgart (8,3 ha) belegen die Landkreise Emmendingen (9,9 ha) und Ortenaukreis (10,8 ha) die unteren Plätze.

Viehwirtschaft ist regional sehr konzentriert | ^

Etwa zwei Drittel (42 200) der landwirtschaftlichen Betriebe in Baden-Württemberg hielten im Jahr 2003 Vieh. Damit ist der Anteil der Vieh haltenden Betriebe gegenüber 1999 nahezu gleich geblieben, die Zahl der Viehhalter insgesamt ging allerdings um gut 15 % zurück und lag damit in vergleichbarer Größenordnung zum Rückgang der Gesamtzahl der Betriebe. Besonders hoch ist der Anteil der Vieh haltenden Betriebe im östlichen Landesteil. Neun von zehn Betrieben sind es im Kreis Schwäbisch Hall (93 %). Weitere Spitzenpositionen nehmen die Kreise Ravensburg (89 %), Ostalbkreis (88 %), Biberach (88 %) und Alb-Donau-Kreis (86 %) ein. Da die Viehwirtschaft mehr oder weniger stark abhängig ist von der Flächenausstattung, sind in diesen Kreisen die Futterbaubetriebe vorherrschend. In den Kreisen, in denen der Anbau von Dauerkulturen (Wein, Obst) dominiert, ist der Anteil der Viehhaltung deutlich geringer. Nur gut jeder vierte Betrieb im Kreis Heilbronn hielt Vieh (27 %), in den Stadtkreisen Heilbronn, Stuttgart, Baden-Baden und Freiburg waren es noch weniger. Gering war der Anteil Vieh haltender Betriebe auch in den Kreisen Ludwigsburg mit 35 %, Rastatt mit 39 % und Breisgau-Hochschwarzwald mit 41 %.

Die größten Rinderbestände in den östlichen Landesteilen | ^

Der Großteil der insgesamt 26 400 Betriebe mit Rinderhaltung ist in den östlichen Landesteilen, in den höheren Lagen des Schwarzwaldes und in Oberschwaben zu finden. Aufgrund der natürlichen Standortgegebenheiten ist hier oftmals die Grünlandwirtschaft die einzige wirtschaftliche Form der Nutzung landwirtschaftlicher Flächen und wird meist in Kombination mit Weideviehhaltung verwirklicht. Die größten Rinderbestände sind in den Landkreisen

Ravensburg154 400 Tiere
Biberach103 000 Tiere
Ostalbkreis82 200 Tiere
Schwäbisch Hall73 300 Tiere

zu finden. Somit stand mehr als ein Drittel des gesamten Rinderbestandes von knapp 1,14 Millionen Tieren allein in diesen vier Kreisen, in denen auch 28 % der Rinder haltenden Betriebe des Landes ansässig sind.

Im Kreis Schwäbisch Hall ein Fünftel des Schweinebestandes im Land | ^

Ein Großteil der 17 000 Schweinehalter konzentrierte sich im östlichen Landesteil. Auf folgende Kreise entfielen knapp die Hälfte der gut 2,3 Millionen Schweine:

Schwäbisch Hall480 500 Tiere
Alb-Donau-Kreis290 000 Tiere
Hohenlohekreis201 700 Tiere
Biberach174 900 Tiere

Dort hatten 27 % der Schweinehalter ihre Ställe. Der Kreis Schwäbisch Hall wies allein gut ein Fünftel des gesamten Schweinebestandes in Baden-Württemberg auf; mit 307 Tieren pro Betrieb war die durchschnittliche Bestandsgröße hier dann auch mehr als doppelt so hoch wie im Landesdurchschnitt mit 136 Tieren pro Betrieb. Im Hohenlohekreis wurden mit 302 Tieren pro Betrieb ähnlich große Bestände gehalten. Den Spitzenplatz belegte aber der Stadtkreis Ulm mit 340 Schweinen pro Halter.

Landwirte schließen ihre Höfe – wo ist der Rückgang am stärksten? | ^

Gut 1,45 Millionen Hektar Fläche wurden im Jahr 2003 in Baden-Württemberg von den 65 800 landwirtschaftlichen Betrieben in unterschiedlicher Weise genutzt. Seit 1999 sind mit insgesamt 10 100 landwirtschaftlichen Betrieben gut 13 % der Landwirte aus der Produktion ausgestiegen oder haben ihre Bestände so stark verringert, dass sie unter die Erfassungsgrenzen der Agrarstatistik gefallen sind. Es gab keinen Kreis, in dem die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe innerhalb der letzten 4 Jahre gestiegen ist (Tabelle). Die Abnahmerate in den einzelnen Kreisen variierte zwischen 2 % in Pforzheim und über 20 % in folgenden Landkreisen:

Zollernalbkreis−20 %
Freudenstadt−20 %
Tübingen−22 %
Tuttlingen−23 %

Mindestens jeder fünfte Landwirt hat in den genannten Kreisen in den letzten 4 Jahren seine Produktion aufgegeben. Gemeinsam ist diesen Kreisen, dass der Anteil der Futterbaubetriebe deutlich ausgeprägt ist. Ebenso lag der Anteil der Haupterwerbsbetriebe hier unter einem Viertel und damit deutlich unter dem Landesdurchschnitt von 36 %. Neben den Stadtkreisen Pforzheim, Stuttgart (−5 %) und Heidelberg (−6 %) waren die Rückgänge in den Landkreisen Ortenaukreis und Bodenseekreis weit unterdurchschnittlich (jeweils −8 %). Das landwirtschaftliche Bild dieser Kreise ist oftmals geprägt durch einen hohen Anteil an Wein- und Ostanbauflächen, aber auch einer Vielzahl von Gartenbaubetrieben. Die meisten landwirtschaftlichen Betriebe sind in den Landkreisen Heilbronn (−510), Biberach und Breisgau-Hochschwarzwald (je −480) ausgeschieden (Schaubild 1).

Zwei Gemeinden ohne landwirtschaftlichen Betrieb | ^

Die anhaltenden Betriebsaufgaben in der Landwirtschaft haben dazu geführt, dass es mittlerweile in Baden-Württemberg zwei Gemeinden gibt, die überhaupt keinen landwirtschaftlichen Betrieb im Erfassungsbereich der Agrarstatistik mehr aufweisen: Dies sind Höfen an der Enz im Landkreis Calw sowie Weisenbach im Landkreis Rastatt. Weitere 4 Gemeinden haben lediglich einen und 6 Gemeinden nur noch zwei landwirtschaftliche Betriebe. In insgesamt 34 Gemeinden gibt es keinen haupterwerblichen Landwirt mehr. Die meisten landwirtschaftlichen Betriebe im Erfassungsbereich der Agrarstatistik wiesen die Gemeinden Vogtsburg (690 Betriebe) im Kreis Breisgau-Hochschwarzwald, Oberkirch (650 Betriebe) und Achern (400 Betriebe) im Ortenaukreis, Bühl (390 Betriebe) im Kreis Rastatt und Leutkirch (380 Betriebe) im Alb-Donau-Kreis auf (Schaubild 2).

Standorte der Biobauern vorwiegend im Süden des Landes | ^

Als Alternative zur konventionellen Produktion landwirtschaftlicher Erzeugnisse ist der ökologische Landbau in den letzten Jahren stark gefördert worden.1 Im Jahr 2003 wirtschafteten in Baden-Württemberg 3 100 Betriebe ganz oder in Teilen nach den Richtlinien der EU-Öko-Verordnung.2 Gut 92 900 ha LF waren in die ökologische Bewirtschaftung einbezogen. In insgesamt 11 Stadt- und Landkreisen wurden jeweils mehr als 10 % der landwirtschaftlich genutzten Fläche nach ökologischen Richtlinien bewirtschaftet. In folgenden Landkreisen lagen die größten Ökoflächenanteile:3

Waldshut16 %
Tübingen15 %
Konstanz13 %
Tuttlingen12 %
Bodenseekreis12 %

Die meisten Biobetriebe waren in den Kreisen Ravensburg (300), Breisgau-Hochschwarzwald (260), Waldshut (230) und im Bodenseekreis (190) ansässig. Somit ist der ökologische Landbau, von den Flächenanteilen sowie den Betriebszahlen her betrachtet, schwerpunktmäßig in den südlichen Landesteilen angesiedelt. Die vorherrschende Produktionsausrichtung ist der Futterbau. Da im ökologischen Landbau die Viehhaltung besonders stark an die Flächenausstattung gekoppelt ist, wird eine extensive Grünlandwirtschaft bevorzugt. Vor allem in den im konventionellen Sinne eher benachteiligten Höhenlagen von Schwarzwald und Schwäbischer Alb werden daher dem ökologischen Landbau Chancen für eine wirtschaftlich erfolgreiche Produktionsausrichtung gegeben.

Ausblick | ^

Die Agrarstrukturerhebung 2003 hat die Möglichkeit geboten, auf breiter Basis und in unterschiedlich tiefer regionaler Gliederung die aktuelle wirtschaftliche und strukturelle Situation der Landwirtschaft in Baden-Württemberg darzustellen. Ab dem Jahr 2005 sind die Beschlüsse zur EU-Agrarreform in Kraft getreten, die in weiten Teilen eine deutliche Neuausrichtung der Agrarpolitik und deren Fördermaßnahmen bedeutet. Landwirte werden sich zum Teil neu orientieren müssen, es wird »Gewinner« und »Verlierer« unter den Betriebsausrichtungen geben. Ob und wie sich die regionale Konzentration von bestimmten Produktionsschwerpunkten verstärken oder abschwächen wird und ob regionale natürliche Vorzüge stärker hervortreten werden, bleibt abzuwarten.

1 Vgl. hierzu auch Arndt, Julia: Ökologische Landwirtschaft in Baden-Württemberg 2003, in: Statistisches Monatsheft Baden-Württemberg, Heft 6/2004, S. 15-19.

2 »Verordnung (EWG) Nr. 2092/91 des Rates über den ökologischen Landbau und die entsprechende Kennzeichnung der landwirtschaftlichen Erzeugnisse und Lebensmittel« vom 24. Juni 1991 (ABl. Nr. L 198, S. 1).

3 Aufgrund des geringen Anteils an landwirtschaftlichen Flächen insgesamt sind die Stadtkreise hier nicht berücksichtigt.

infopunkt

Methodische Grundlagen

Im Frühjahr 2003 wurde die Agrarstrukturerhebung bundesweit bei allen landwirtschaftlichen Betrieben durchgeführt. Dabei wurden neben den Merkmalen zur Bodennutzung und den Viehbeständen auch Strukturmerkmale zur Arbeitskräfteausstattung, Gewinnermittlung oder Eigentums- und Pachtverhältnissen erfragt. Die Rechtsgrundlagen für die Agrarstrukturerhebung bildet das Agrarstatistikgesetz.1 In die Agrarstrukturerhebung werden alle landwirtschaftlichen Betriebe einbezogen, die mindestens 2 Hektar landwirtschaftlich genutzte Fläche bewirtschaften oder über bestimmte tierische oder pflanzliche Erzeugungseinheiten verfügen. Zu den tierischen Erzeugungseinheiten zählen 8 Rinder, 8 Schweine, 20 Schafe oder 200 Stück Geflügel. Die pflanzlichen Erzeugungseinheiten richten sich nach dem Anbau von verschiedenen Sonder- oder Dauerkulturen im Freiland (jeweils 30 Ar) oder unter Glas (jeweils 3 Ar). Betriebe im Sinne des AgrStatG sind technisch-wirtschaftliche Einheiten, die einer einheitlichen Betriebsführung unterliegen und landwirtschaftliche Erzeugnisse hervorbringen. Zusätzlich können auch andere Erzeugnisse und Dienstleistungen erbracht werden.

1 Gesetz über Agrarstatistiken (Agrarstatistikgesetz – AgrStatG) in der Neufassung vom 8. August 2002 (BGBl. I S. 3118).


© Statistisches Landesamt Baden-Württemberg, Stuttgart, 2005 | ^