2007-8

Dr. Gisela Meister-Scheufelen übergibt die Führung des Statistischen Landesamtes in die Hände von Dr. Carmina Brenner

Wolfgang Walla

PDF-Version des kompletten Aufsatzes mit Tabellen, Grafiken und Schaubildern (53,0 KB)

In der nun bald 200-jährigen Geschichte des Amts und seiner Vorgänger war Dr. Meister-Scheufelen die zweite Frau, die im Südwesten und die erste, die in Baden-Württemberg ein Statistisches Landesamt leitete. Dass die Gründung des ersten Amts im Jahr 1820 auch auf eine Frau zurückging, soll hier nicht unerwähnt bleiben. Es war die junge Königin und Zarentochter Katharina (* 1788, ? 1819), die ihren Gemahl König Wilhelm I davon überzeugte, dass ein Land ein »statistisch-topographisches« Amt benötige. Denn nur wenn die Bürger über ihr Land Bescheid wüssten, würden sie es schätzen. Treu dieser Zielsetzung forcierte auch Dr. Meister-Scheufelen die Öffnung des Amtes nach außen. Ihr Motto war »Baden-Württemberg muss das am besten informierte Land werden«. Ein Ziel, das sie mit Energie, Ausdauer und ihren über 600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu erreichen suchte. Sie selbst hielt fast 200 Vorträge nur zum Thema »Demografischer Wandel«. Täglich über 30 000 Internetabrufe, jährlich über 10 000 Anfragen an den Auskunftsdienst, knapp 70 Pressekonferenzen belegen, dass der richtige Weg beschritten wurde.

Die Produktion von Daten war nicht ihr alleiniges Ziel, sondern die Umwandlung von Daten zu Informationen. Auch hier folgte Frau Dr. Meister-Scheufelen Wegen, die manche ihrer Vorgänger beschritten hatten. Als ihr besonderes Verdienst bleibt, den Wandel der Informationsbedürfnisse und des Kommunikationsverhaltens richtig eingeschätzt zu haben. Interessierte Leser, die sich in Muße statistische Werke betrachten und selbst richtige und manchmal auch falsche Erkenntnisse daraus ziehen, gibt es kaum noch. Für unsere Gesellschaft ist »Zeit« zu einem knappen Gut geworden. Dem musste sich auch die amtliche Statistik in ihrer Produktstrategie anpassen.

Der Wandel des Kommunikationsverhaltens und der Informationstechniken bestimmt das heutige Informationsangebot und das hat sich nach ihrer Überzeugung permanent zu einem »objektiven Führungsinformationssystem für die politischen Entscheidungsträger in Bund, Ländern und Kommunen sowie als Informations- und Kontrollinstrument für alle Bürgerinnen und Bürger« weiter zu entwickeln. Dabei sah sie »die Fühlungsvorteile zu den Datenlieferanten und zu den Datennutzern als das große Plus des Landesamtes«. Ihre Produktstrategie basierte daher auf vier Säulen:

  1. Dem »Statistischen Warenhaus« mit dessen Internetangebot, das sich in ihrer Amtszeit zu einem der umfassendsten und erfolgreichsten in Europa entwickelt hat. Täglich über 30 000 Seitenabrufe oder 11 Millionen jährlich belegen den Erfolg.
  2. Kompakte Informationen für Entscheider; »Statistik Aktuell«, jährlich über 400 Pressemitteilungen, Pressemappen aus den Pressekonferenzen, Indikatorensets, Faltblätter sind nur einige der Produktfamilien.
  3. Wissenschaftliche Analysen für Auftraggeber aus Wirtschaft und Verwaltung; die Reihe »Trends und Fakten« im Auftrag des Staatsministeriums, der Demografiespiegel im Auftrag der Demografiebeauftragten, das Analyseheft »Lernen und Lehren in Baden-Württemberg« sind nur einige der Produkte.
  4. Datensammlungen in Form von Statistischen Berichten, umfassende Dateiensammlungen auf weiterverarbeitbaren CDs, die Struktur- und Regionaldatenbank mit ihren über 600 000 Daten je Gemeinde sind die wesentlichsten Datenträger.

Die unter der Führung von Frau Dr. Meister-Scheufelen entwickelte Produktstrategie basiert auch auf ihrem beruflichen Werdegang. Als promovierte Rechtswissenschaftlerin trat sie 1983 als Regierungsassessorin beim Innenministerium in die Verwaltung des Landes ein. Ihr Weg führte sie über das Landratsamt Göppingen, wo sie für Baurechtsfragen sowie für den Immissions- und den Denkmalschutz zuständig war, zum Regierungspräsidium Stuttgart. Von 1986 bis 1987 war sie Mitarbeiterin der Zentralstelle des Sozialministeriums Baden-Württemberg. Es folgten 4 Jahre mit kommunalen Aufgaben; in Ludwigsburg war sie Bürgermeisterin unter anderem für Frauen- und Ausländerfragen und dem Fremdenverkehr. Bereits mit 35 Jahren übernahm sie für 5 Jahre als Präsidentin die Leitung des Landesgewerbeamtes. Von 1996 bis 2000 vertrat sie den Wahlkreis Kirchheim im Landtag von Baden-Württemberg, wo ihr der Vorsitz bei der Enquetekommission zur Situation und Chance mittelständischer Unternehmen vom Parlament übertragen wurde. Nach Ablauf der Legislaturperiode wurde sie für ein Jahr Staatssekretärin für Wirtschaft und Technologie beim Senat des Landes Berlin. Nach dem Regierungswechsel in Berlin ließ sich Frau Dr. Meister-Scheufelen in den einstweiligen Ruhestand versetzen.

Am 18. Februar 2002 übernahm sie in Stuttgart die Leitung des Statistischen Landesamts Baden-Württemberg. In dieser Funktion folgte sie Präsident Dr. Eberhard Leibing, der zum Direktor des Landtags von Baden-Württemberg ernannt worden war.

Seit dem 27. Juli 2007 ist Frau Dr. Meister-Scheufelen Ministerialdirektorin des Finanzministeriums von Baden-Württemberg.

Die Amtszeit von Frau Dr. Meister-Scheufelen fiel in eine recht kritische Phase der deutschen und der baden-württembergischen amtlichen Statistik. Den Sparmaßnahmen der Landesregierung – dem Amt wurden innerhalb von 5 Jahren bei einem immer noch zunehmenden Aufgabenvolumen 60 seiner Stellen gestrichen – begegnete sie nach innen wie nach außen mit Rationalisierungsmaßnahmen.

Großen Anteil hat sie an der Entwicklung eines Masterplans zur Reform der deutschen amtlichen Statistik. Durch eine optimierte länderübergreifende Arbeitsteilung, durch Standardisierung und Automatisierung der Arbeitsprozesse, durch Entlastung der Berichtspflichtigen soll die deutsche Statistik nicht nur effizienter, sondern für den Steuerzahler billiger werden.

Durch neue Erhebungs- und Prozesstechniken sowie durch verstärkte Kooperationen – bis zur Zusammenlegung von Landesämtern – wurde schon vieles aber noch nicht alles erreicht. Und das obwohl die amtliche Statistik seit 2003 bundesweit über 600 Stellen einsparte.

Ihr größter Einsatz galt der Erhaltung des föderalen Systems der deutschen amtlichen Statistik. Zentralisierungsbestrebungen der Bundesregierung hielt sie die fachliche Kompetenz der Landesämter und deren Kundennähe entgegen. In diesem Kontext und in ihrem Führungsstil war sie von der Überzeugung geprägt, dass Dinge dort erledigt werden sollen, wo sie am besten erledigt werden können. Sie war und ist überzeugt, dass »die Nähe eines Statistischen Landesamtes zu den Berichtspflichtigen und die guten Unternehmens-, Wirtschafts- und Regionalkenntnisse der Landesstatistiker sowie deren enge Beziehungen zu den Landes- und Kommunalbehörden … die Qualität der amtlichen Statistik sichern.« Vor allem bei der fachstatistischen Aufbereitung und Plausibilisierung der erhobenen Daten muss eine hohe Qualität garantiert werden. Denn nur eine hohe Qualität ermöglicht es der amtlichen Statistik die Funktion als anerkannter, neutraler und kompetenter Datenlieferant und Informationsvermittler für alle Kunden, das heißt »Bürger, Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung« und auf allen regionalen Ebenen, das heißt »Staat – Länder – Kommunen«, zu erfüllen.

Im September wird Frau Dr. Gisela Meister-Scheufelen die Führung des Amtes in die Hände von Frau Dr. Carmina Brenner übergeben. Frau Dr. Brenner hat einen teilweise ähnlichen Werdegang wie ihre Amtsvorgängerin: Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Universität Tübingen, Forschungsaufenthalt an der Harvard Universität, Cambridge, USA, Referentin im Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg, Kommunal- und Landespolitikerin als Gemeinderätin von Horb, Kreisrätin im Landkreis Freudenstadt und derzeit noch Abgeordnete im Landtag von Baden-Württemberg. In einem der nächsten Hefte werden wir Frau Dr. Brenner vorstellen.


© Statistisches Landesamt Baden-Württemberg, Stuttgart, 2007 | ^