2009-9

Berufspendler in Baden-Württemberg 1978 und 2008 – sie fahren länger, weiter und vor allem mit dem Auto

Ariane Krentz

PDF-Version des kompletten Aufsatzes mit Tabellen, Grafiken und Schaubildern (34,9 KB)

Die Mobilität von Erwerbstätigen, Schülern und Studierenden ist in den vergangenen drei Jahrzehnten angestiegen. Alle 4 Jahre werden im Mikrozensus Daten zur Länge des Arbeitsweges, der dafür benötigten Zeit und zum genutzten Verkehrsmittel erhoben. Ein Langzeitvergleich mit dem Jahr 1978 zeigt, welche strukturellen Veränderungen sich in Bezug auf die Mobilität der Erwerbstätigen ergaben. Im Vergleich zu 1978 legten die Erwerbstätigen 2008 größere Strecken auf dem Weg zur Arbeit zurück und benötigten mehr Zeit dafür. Knapp die Hälfte der Erwerbstätigen hat einen Arbeitsweg, der länger als 10 Kilometer ist. Der motorisierte Berufsverkehr hat stark zugenommen. Mehr als zwei Drittel fahren mit dem Auto, Motorrad, Moped und Ähnlichem zur Arbeit.

Nach den Ergebnissen des Mikrozensus 2008 liegen für rund 4,8 Mill. Erwerbstätige1 und 1,75 Mill. Schüler/-innen und Studierende in Baden-Württemberg Angaben zum Pendelverhalten zwischen Wohnort und Arbeits- bzw. Ausbildungsstätte vor. Von den 4,8 Mill. Erwerbstätigen arbeiten und wohnen 166 000 Erwerbstätige (3,4 %) auf dem gleichen Grundstück und 92 000 (1,9 %) pendeln zu ständig wechselnden Arbeitsstellen. In den folgenden Auswertungen bleiben diese beiden Gruppen sowie die Schüler/-innen und Studierenden unberücksichtigt.

Erwerbstätige legen immer größere Strecken zurück | ^

Berufstätige in Baden-Württemberg legen immer größere Strecken auf ihrem Weg zur Arbeit zurück. Heute hat nur noch gut die Hälfte der Berufstätigen einen Arbeitsplatz, der unter 10 Kilometer vom eigenen Wohnort entfernt ist. Vor 30 Jahren war das noch bei über zwei Drittel der Erwerbstätigen der Fall. Ein Drittel der Erwerbstätigen musste 2008 für den Weg zur Arbeit eine Strecke zwischen 10 und 25 Kilometer zurücklegen. 1978 war das nur bei einem Viertel der Berufstätigen nötig. Auch der Anteil der Erwerbstätigen, die lange Strecken (25 bis unter 50 Kilometer) oder sehr lange Strecken (mehr als 50 Kilometer) fahren müssen, hat sich im Vergleich zu 1978 verdoppelt.

Frauen arbeiten näher am Wohnort | ^

Die Strecken, die berufstätige Frauen und Männer auf dem Weg zu ihrer Arbeitsstätte zurücklegen, unterscheiden sich deutlich. Der größte Anteil der Frauen (59 %) hat einen Arbeitsplatz, der unter 10 Kilometer vom Wohnort entfernt ist. Bei den Männern liegt dieser Anteil mit 48 % deutlich niedriger. Mittlere Strecken zwischen 10 bis unter 25 Kilometer legen jeweils ein Drittel der erwerbstätigen Frauen (31 %) und Männer (34 %) zurück. Mehr als 25 Kilometer fahren 18 % der Männer zur Arbeit, aber nur 10 % der Frauen.

Ein Grund für diese Unterschiede liegt möglicherweise darin, dass Frauen (49 %) in viel stärkerem Maße als Männer (8 %) Teilzeit beschäftigt sind, weil sie sich zum Beispiel um die Kinderbetreuung kümmern. Sie können daher längere Arbeitswege – und damit verbunden längere Fahrtzeiten – nicht in Kauf nehmen. Eine weitere Rolle mag spielen, dass Arbeits- und Arbeitswegezeiten mit den Zeiten außerfamiliärer Betreuungsangebote vereinbart werden müssen oder dass sich lange Anfahrtswege bei einer kurzen täglichen Beschäftigungsdauer nicht lohnen.

Je kleiner der Wohnort, desto länger ist der Arbeitsweg | ^

Von den Erwerbstätigen, die in kleineren Gemeinden mit bis zu 10 000 Einwohnern leben, hat mehr als die Hälfte der Erwerbstätigen (56 %) einen Arbeitsplatz, der weiter als 10 Kilometer von der Wohnung entfernt liegt. Das Arbeitsplatzangebot in kleineren Gemeinden ist in der Regel nicht so umfangreich bzw. bietet häufig für die eigene Qualifikation keine adäquaten Arbeitsplätze, sodass weitere Wege in Kauf genommen werden müssen, um den passenden Arbeitsplatz zu erreichen.

Größere Kommunen mit einer Einwohnerzahl zwischen 50 000 und 500 000 haben ein größeres und vielfältigeres Arbeitsplatzangebot, sodass 65 % der Erwerbstätigen einen Arbeitsplatz in der Nähe haben und weniger als 10 Kilometer zu ihrer Arbeitsstätte fahren müssen

Mit der Länge des Arbeitsweges korrespondiert der Zeitaufwand, der für das Erreichen des Arbeitsplatzes notwendig ist. Wie die Arbeitswege haben sich in den letzten 30 Jahren ebenso die Zeiten verlängert, um den Arbeitsplatz zu erreichen. 1978 haben noch 38 % der Erwerbstätigen ihre Arbeitsstelle in weniger als 10 Minuten erreicht, heute sind dies nur noch 32 %. Heute wie vor 30 Jahren benötigt die Hälfte der Berufstätigen zwischen 10 und 29 Minuten, um zum Arbeitsort zu gelangen. Dagegen haben sich die Anteile der Erwerbstätigen, die eine halbe bis eine Stunde bzw. mehr als eine Stunde für ihren Weg zur Arbeit benötigen, von 11 % auf 16 % bzw. von 2 % auf 3 % erhöht. Die Männer legen dabei die größeren Strecken zurück und müssen dementsprechend auch mehr Zeit für ihren Arbeitsweg einkalkulieren als die Frauen, die näher an ihrem Arbeitsplatz wohnen.

Zwei Drittel nutzen hauptsächlich das Auto für den Weg zur Arbeit | ^

Der motorisierte Berufsverkehr hat in den letzten 30 Jahren stark zugenommen. Während heute mehr als zwei Drittel der Erwerbstätigen hauptsächlich das Auto, Motorrad, Moped oder Ähnliches für den Weg zur Arbeit benutzen, waren es 1978 nur 56 %. Vor 30 Jahren konnte noch fast ein Fünftel der Berufstätigen aufgrund der kürzeren Arbeitswege den Arbeitsort zu Fuß erreichen. Der Anteil der Personen, die den öffentlichen Personennahverkehr (Bus, U-/S-Bahn, Straßenbahn) nutzen, hat sich von 15 % (1978) auf 10 % im Jahr 2008 verringert. Demgegenüber haben sich die Anteile derjenigen, die ihren Arbeitsplatz mit dem Fahrrad oder der Bahn erreichen, kaum verändert.

Männer nutzten mit 72 % das Auto, Motorrad, Moped oder Ähnliches stärker als Frauen (62 %) für ihren Weg zur Arbeit. Dagegen gingen Frauen häufiger zu Fuß (16 %) als Männer (10 %) bzw. nutzten den öffentlichen Personennahverkehr (13 %) stärker als Männer (8 %). Das Fahrrad als Hauptverkehrsmittel für den Weg zur Arbeit war im Jahr 2008 bei beiden Geschlechtern mit 7 % gleich beliebt.

1978 gab es noch wesentlich größere Unterschiede zwischen Männern und Frauen bei der Nutzung der Verkehrsmittel. 1978 nutzten 65 % der erwerbstätigen Männer, aber nur 39 % der Frauen das Auto, um zu ihrer Arbeitsstätte zu gelangen. Der Anteil der Frauen, die den öffentlichen Personennahverkehr nutzten (24 %) bzw. zu Fuß zur Arbeit gingen (27 %), war doppelt so hoch wie der der Männer. Im Vergleich zu 1978 hat sich das Nutzungsverhalten der Verkehrsmittel von Männern und Frauen heute eher angeglichen, obwohl der Anteil der Männer, die das Auto für den Weg zur Arbeit nutzen, auch heute noch um 10 Prozentpunkte über dem der Frauen liegt.

Möglicherweise liegt die hauptsächliche Nutzung des Autos für den Weg zur Arbeit auch daran, dass die Bevölkerung heute wesentlich besser mit Pkw ausgestattet ist. 1978 kamen noch 344 Pkw auf 1 000 Einwohner, während es im Jahr 2008 schon 524 Pkw waren.

Zusammenfassend bleibt festzustellen, dass sich die Mobilität der Erwerbstätigen in den letzten 30 Jahren stark erhöht hat. Die Berufstätigen fahren heute längere Strecken, benötigen dafür mehr Zeit und nutzen als Verkehrsmittel hauptsächlich das Auto.

1 Erwerbstätige, die Angaben zum Pendlerverhalten gemacht haben.

infopunkt

Der Mikrozensus ist die größte amtliche Haushaltsbefragung in Deutschland, die bereits seit 1957 jedes Jahr bei 1 % der Haushalte im gesamten Bundesgebiet durchgeführt wird. In den Mikrozensus integriert ist die EU-Arbeitskräfteerhebung, die in allen EU-Staaten durchgeführt wird. Seine Ergebnisse sind – soweit es sich gleichzeitig um Merkmale der EU-Arbeitskräfteerhebung handelt – international vergleichbar. Seit dem Jahr 2005 wird der Mikrozensus als sogenannte unterjährige Erhebung mit einer gleitenden Berichtswoche durchgeführt. Hierbei wird das Befragungsvolumen über das ganze Jahr verteilt. Mit dem Umstieg auf das unterjährige Erhebungskonzept wurde die Datenqualität gesteigert, da somit die Ergebnisse die Situation des ganzen Jahres widerspiegeln.

Im Rahmen des Mikrozensus werden für die Erwerbstätigen, Schüler und Studierenden alle 4 Jahre Daten zur Länge des Arbeitsweges, der für den Weg zur Arbeit bzw. zur Ausbildungsstätte benötigen Zeit und zu den genutzten Verkehrsmitteln erfragt. Mit diesen Informationen werden auch Veränderungen im Pendlerverhalten und in der Mobilität im Zeitvergleich erfasst. Sie liefern unter anderem Anhaltspunkte für die Verkehrsplanung und ermöglichen Einschätzungen, ob die Ziele einer sozialen, ökonomischen und ökologischen Verkehrsentwicklung, zum Beispiel Verkehrsvermeidung durch kurze Wege oder Verkehrsverlagerung auf öffentliche Verkehrsmittel erreicht werden.


© Statistisches Landesamt Baden-Württemberg, Stuttgart, 2009 | ^