2010-8

Struktur und Entwicklung der Privathaushalte

Eine Modellrechnung für Baden-Württemberg bis zum Jahr 2050

Werner Brachat-Schwarz

PDF-Version des kompletten Aufsatzes mit Tabellen, Grafiken und Schaubildern (42,4 KB)

Im Jahr 2008 ist die Bevölkerungszahl Baden-Württembergs erstmals seit 1984 gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen; dieser Rückgang wird sich aller Voraussicht nach in den kommenden Jahren und Jahrzehnten fortsetzen. Die Entwicklung wurde und wird auch künftig durch einen stetig voranschreitenden Alterungsprozess geprägt. Bereits im Jahr 2030 könnte der Anteil der über 60-Jährigen in der Bevölkerung doppelt so stark sein wie der der unter 20-Jährigen. Konsequenzen hat dieser Trend auch für die Struktur und die zahlenmäßige Entwicklung der Privathaushalte. Im folgenden Beitrag soll deshalb gezeigt werden, dass demografisch bedingt die Zahl der Haushalte aus heutiger Sicht erst nach dem Jahr 2020 zurückgehen und die Anzahl der Einpersonenhaushalte sogar bis etwa 2045 ansteigen wird.

Ein Blick zurück: Zahl der Haushalte ist stärker als die der Bevölkerung gestiegen | ^

Die Zahl der Privathaushalte und deren Strukturen haben sich in den letzten Jahrzehnten deutlich verändert. Allein seit 1985 hat sich die Zahl der Privathaushalte in Baden-Württemberg um annähernd 30 % erhöht – die Zunahme der Bevölkerungszahl in diesem Zeitraum lag nur etwa halb so hoch. Getragen wurde diese Entwicklung bei den Privathaushalten von einem überdurchschnittlichen Zuwachs bei den kleinen Haushalten. Die Zahl der Einpersonenhaushalte stieg seit 1985 um rund 45 %, die der Zweipersonenhaushalte sogar um 56 % an. Demgegenüber ist die Zahl der Haushalte mit 5 und mehr Personen um immerhin 16 % zurückgegangen. Die durchschnittliche Haushaltsgröße hat sich dadurch deutlich verändert: 1985 lebten in einem Haushalt im Schnitt 2,39 Personen, 2009 waren es nur noch 2,17 Haushaltsmitglieder.

Welche Einflussfaktoren bestimmen die künftige Haushaltsentwicklung? | ^

Die künftige Entwicklung der Haushaltszahlen (siehe i-Punkt) wird vor allem durch die weitere Bevölkerungsentwicklung und deren altersstrukturellen Zusammensetzung sowie durch das Haushaltsbildungsverhalten determiniert. Was die künftige Bevölkerungsentwicklung betrifft, so könnte die Einwohnerzahl des Landes bis zum Jahr 2050 um über 1,1 Mill. auf nur noch knapp 9,6 Mill. zurückgehen.1 Gegenüber 2008, dem Basisjahr der Vorausrechnung, bedeutet dies eine Abnahme der Bevölkerungszahl um 11 %.

Die Altersstruktur der Bevölkerung wird in Verbindung mit den derzeit absehbaren Trends bei der Geburtenhäufigkeit, der Lebenserwartung und der Zuwanderung dazu führen, dass die künftige Entwicklung durch einen enormen Alterungsprozess der Bevölkerung geprägt sein wird. Bereits ab dem Jahr 2030 wird aller Voraussicht nach die Zahl der 60-Jährigen und Älteren doppelt so stark vertreten sein wie die unter 20-Jährigen. Dagegen war es bis Ende der 90er-Jahre so, dass die Zahl der Jüngeren immer größer als die der Älteren war. Und diese Verschiebungen in der Altersstruktur der Bevölkerung werden – wie noch zu zeigen sein wird – erhebliche Auswirkungen auf die Zahl und Struktur der Privathaushalte haben.

Dagegen bleiben mögliche verhaltensbedingte Änderungen, die mit dem Schlagwort »Singularisierung« umschrieben werden können, in der Modellrechnung zur Abschätzung der künftigen Entwicklung der Privathaushalte unberücksichtigt. Dies erscheint deshalb gerechtfertigt, weil entsprechende Verhaltensänderungen der Bevölkerung, die die zahlenmäßige Zusammensetzung der Haushalte beeinflussen, in der Zukunft weiter an Bedeutung verlieren dürften:

Die Geburtenrate ist bereits seit etwa 3 Jahrzehnten relativ konstant niedrig; es spricht deshalb einiges dafür, dass sich an dieser Situation auch in den nächsten Jahren nichts Entscheidendes ändern wird.

Eine künftig möglicherweise weiter sinkende Heiratsneigung hätte nur bedingt einen Einfluss auf die Haushaltsstruktur, da auch nicht eheliche Lebensgemeinschaften als Haushalte zählen.

Darüber hinaus zeichnet sich in den letzten Jahren auch kein weiterer deutlicher Anstieg der Scheidungshäufigkeit mehr ab, nachdem diese jahrzehntelang angestiegen ist.2 Allerdings hat der Anteil der Alleinerziehenden in den letzten Jahren weiter zugenommen.

Und schließlich wurde der für die Zukunft erwartete weitere Anstieg der Lebenserwartung bereits in der Bevölkerungsvorausrechnung berücksichtigt.

Tatsächlich zeigt ein Vergleich der Haushaltsstrukturen 2000 und 2009, dass zwar in den meisten Altersgruppen die Bevölkerungsanteile in Ein- und Zweipersonenhaushalten leicht angestiegen und in den Drei-, Vier- und Fünfpersonenhaushalten eher zurückgegangen sind. Der Einfluss auf die Zahl der Haushalte insgesamt war allerdings relativ gering.3

Rückgang der Haushaltszahlen erst nach 2020 | ^

Bei Zugrundelegung der Ergebnisse der aktuellen Bevölkerungsvorausrechnung und unter der Annahme, dass die aktuelle Verteilung der Bevölkerung nach Altersgruppen und Geschlecht auf die Haushalte nach ihrer Größe (siehe i-Punkt Seite 14) unverändert bleiben wird, wird die Zahl der Privathaushalte noch bis 2020 um etwa 110 000 auf dann 5,09 Mill. ansteigen (+ 2,2 %). In den Folgejahren wird die Zahl der Privathaushalte stetig zurückgehen (vgl. Schaubild 1). Im Jahr 2050 könnte die Haushaltszahl um knapp 4 % niedriger als derzeit liegen.

Der Trend der letzten Jahre hin zu immer mehr kleineren und immer weniger großen Haushalten wird sich voraussichtlich in Zukunft fortsetzen: Die Zahl der Einpersonenhaushalte könnte sogar noch bis zum Jahr 2045 ansteigen, während die Zahl der Drei-, Vier- und Fünfpersonenhaushalte bereits in den kommenden Jahren zurückgehen wird (vgl. Tabelle). Damit wird sich der Anteil der Einpersonenhaushalte von derzeit 37 % auf rund 41 % im Jahr 2050 erhöhen, während der der Vierpersonenhaushalte von 12 auf nur noch 9 % sinken wird (vgl. Schaubild 2). Die durchschnittliche Anzahl der Personen je Haushalt wird von 2,17 im Jahr 2008 voraussichtlich auf 2,00 zurückgehen.

Ursache des Anstiegs der Zahl kleinerer Haushalte ist das »Hineinwachsen« stark besetzter Altersgruppen in solche Altersgruppen, die – wie insbesondere die Älteren – überwiegend in kleinen Haushalten leben. So leben derzeit mehr als 90 % der 65-Jährigen und älteren Baden-Württemberger in Ein- oder Zweipersonenhaushalte. Die Zahl der Personen in dieser Altersgruppe wird bis 2050 um mehr als 40 % ansteigen, während die übrige Bevölkerung, die im Schnitt in größeren Haushalten lebt, um gut ein Fünftel zurückgehen wird.

Schaubild 3 zeigt den Zusammenhang zwischen dem Alter der Bevölkerung und der durchschnittlichen Personenzahl je Haushalt in der jeweiligen Altersgruppe im Detail. In den jungen Jahren ist die Haushaltsgröße noch relativ hoch, da Kinder und Jugendliche in der Regel mit ihren Eltern und ggf. noch mit ihren Geschwistern zusammenleben. Im frühen Erwachsenalter erreicht die Haushaltsgröße dann nur noch einen Wert von unter 2 Personen je Haushalt, weil noch relativ viele der jungen Erwachsenen alleine leben. Danach steigt die durchschnittliche Haushaltsgröße aufgrund von Familiengründungen wieder an, um etwa ab dem 45. Lebensjahr wieder zurückzugehen, weil Kinder das Elternhaus verlassen und/oder Ehen geschieden werden oder der Lebenspartner verstorben ist.

Fazit und Ausblick | ^

Die Zahl der Privathaushalte in Baden-Württemberg wird voraussichtlich nur noch bis zum Jahr 2020 ansteigen und danach deutlich zurückgehen. Aufgrund der Altersstruktur der Bevölkerung wird der Trend hin zu kleineren Haushalten anhalten. Bis zum Jahr 2050 könnte die durchschnittliche Personenzahl je Haushalt von derzeit knapp 2,2 auf 2,0 zurückgehen.

Diese sich abzeichnende Entwicklung der Zahl und Struktur der Privathaushalte ist neben der der Bevölkerung von zentraler Bedeutung. Denn zahlreiche Entscheidungen von sozialer, wirtschaftlicher und politischer Bedeutung werden nicht von einzelnen Personen, sondern von privaten Haushalten getroffen. Private Haushalte treten als Käufer von langlebigen Konsumgütern auf (beispielsweise Kraftfahrzeugen); sie leisten Transferzahlungen an öffentliche Haushalte und empfangen Transfers von diesen, so zum Beispiel Wohngeld. Bei der Ermittlung des Versorgungsgrades der Bevölkerung mit Wohnungen sind die Haushalte die Bedarfsträger und damit die geeignete Bezugsgröße für entsprechende Berechnungen. Und gerade was den künftigen Wohnungsbedarf betrifft, lässt die zu erwartende Entwicklung der Privathaushalte vermuten, dass dieser mittel- und langfristig weiter zurückgehen wird.

1 Vgl. Brachat-Schwarz, Werner: »Neue Bevölkerungsvorausrechnung für Baden-Württemberg bis 2060«, in: »Statistisches Monatsheft Baden-Württemberg 2/2010« Der Vorausrechnungszeitraum wurde bei der vorgelegten Modellrechnung etwas kürzer als bei der Bevölkerungsvorausrechnung gewählt, da hier zusätzliche Unsicherheiten bezüglich der künftigen Haushaltsbildung bestehen.

2 Eine Auswertung der Ehescheidungen des Heiratsjahrgangs 2000 deutet darauf hin, dass sich die Scheidungshäufigkeit allenfalls noch leicht erhöhen könnte. Von den im Jahr 2000 geschlossenen Ehen wurden in den ersten 8 Ehejahren 16 % geschieden; für den Heiratsjahrgang 1990 lag der entsprechende Anteil bei 15 %, für den Jahrgang 1995 bei 13 %.

3 Würde unterstellt, dass sich die Haushaltsmitgliederquoten, das heißt die Verteilung der Bevölkerung nach Altersgruppen auf die einzelnen Haushaltsgrößen, seit dem Jahr 2000 nicht geändert hätten, so wäre die Zahl der Privathaushalte im Vergleich zum Mikrozensusergebnis für 2009 nur um 1% niedriger gelegen.

infopunkt

Was ist überhaupt ein Haushalt?

»Als Haushalt (Privathaushalt) zählt jede zusammen wohnende und eine wirtschaftliche Einheit bildende Personengemeinschaft (Mehrpersonenhaushalt) sowie jede für sich allein wohnende und wirtschaftende Einzelperson (Einpersonenhaushalt). Zu einem Haushalt können verwandte und familienfremde Personen gehören (…).« Bereits diese Definition aus dem Mikrozensus lässt erahnen, welch vielfältige Lebensformen sich hinter einem Haushalt verbergen können. Und diese Vielfalt hat in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen, nicht zuletzt aufgrund des Trends hin zu nicht ehelichen Lebensgemeinschaften. Waren vor etwa 30 Jahren noch über 99 % der Paare verheiratet, so beträgt heute der Anteil der nicht ehelichen Lebensgemeinschaften an allen Paaren bereits knapp 11 %. In den Groß- und vor allem Universitätsstädten dürfte dieser Anteil noch deutlich höher liegen.

Dieser Trend, wonach sich die traditionellen Haushalts- und Familienstrukturen immer mehr aufweichen, macht die Ermittlung der Privathaushalte und eine Vorausrechnung dieser Ergebnisse zunehmend schwieriger. Insbesondere bei nicht ehelichen Lebensgemeinschaften ist nicht immer eindeutig, ob diese einen Mehrpersonenhaushalt oder aber mehrere Einpersonenhaushalte bilden – je nachdem, ob diese Personen gemeinsam wirtschaften oder nicht.

Ermittlung der künftigen Haushaltszahlen

Basis der vorgelegten Modellrechnung ist die aktuelle Bevölkerungsvorausrechnung, der insbesondere eine konstante Geburtenhäufigkeit, eine um ca. 5 Jahre steigende Lebenserwartung bis zum Jahr 2050 sowie ein jährlicher Wanderungsgewinn von rund 10 000 Personen zugrunde liegt.

Die Ergebnisse dieser Bevölkerungsvorausrechnung wurden mit Hilfe des sogenannten Haushaltsmitgliederquotenverfahrens in die Zahl und Struktur der Privathaushalte umgerechnet. Bei diesem Verfahren wird ermittelt, wie sich die Bevölkerung – differenziert nach Altersgruppen und Geschlecht – auf die Haushalte nach der Zahl der Haushaltsmitglieder verteilt, also beispielsweise, welcher Anteil der 20- bis 25-Jährigen derzeit in Ein-, Zwei-, Drei- und Vierpersonenhaushalten sowie in Haushalten mit 5 und mehr Personen lebt. Für den Vorausrechnungszeitraum wurde unterstellt, dass die so aus dem Mikrozensus ermittelten Haushaltsmitgliederquoten unverändert bleiben. Der errechnete Trend hin zu einer weiteren Verkleinerung der durchschnittlichen Haushaltsgröße im Vorausrechnungszeitraum resultiert damit allein aus der Veränderung der altersstrukturellen Zusammensetzung der Bevölkerung.


© Statistisches Landesamt Baden-Württemberg, Stuttgart, 2010 | ^